Hara-Shiatsu
„Hara“
bedeutet Körpermitte, Zentrum, von dem alle Energie ausgeht. Im „Huangdi
Neijing“ („Des gelben Kaisers Klassiker der Inneren Medizin“,
eines der grundlegendsten Werke zur Traditionellen Chinesischen Medizin) wird
es als „Brunnen vitaler Energie“ bezeichnet. Bei der Empfängnis
eines Kindes ist der erste Puls im Hara, welches die Wurzel der Meridiane bildet,
die jeweils die unterschiedlichen Organe und Körperregionen mit Energie
versorgen und in den Nieren zusammentreffen. Das japanische Wort „Hara“
entspricht dem chinesischen „Tandien“ und liegt auf einer gedachten
Linie zwischen dem Punkt Ren 6 (Kihai) und dem Steißbein im Körperinneren.
Im Hara-Shiatsu geht jede Behandlungstechnik vom Hara aus, das heißt,
der Druck entsteht durch eine Verlagerung der Körpermitte des Praktikers
in Richtung der Körpermitte des Klienten. Der Shiatsu-Praktiker kann ohne
Muskelkraft arbeiten, wodurch sich auch der Klient gut entspannen kann.
Durch
den Einsatz der Zwei-Hände-Technik (eine Hand ist gebend
/ tonisierend, die andere Hand ist nehmend / sedie- rend) auf Meridianen und
Punkten wird den Organen entweder Energie zu- oder abgeführt. Es entsteht
ein Energiekreislauf zwischen Behandler und Klienten, wodurch die Behandlung
eine besondere Qualität bekommt.
Die Energie, die hier zirkuliert, wird „Ki“ (chinesisch
„Qi/Chi“) genannt. Das Konzept von Ki ist in der asiatischen Kultur
sehr tief verwurzelt, und die Existenz einer Kraft, aus der alles Leben ent-
bzw besteht, wird dort auch nicht in Frage gestellt.
Wie elektrischer Strom entsteht Ki aus einer Bewegung zwischen zwei Polen: Yin
und Yang. Die Dynamik von Yin und Yang wird im chinesischen Tai-Ji-Symbol
sehr gut sichtbar: Yin und Yang sind zwar Polaritäten, gleichzeitig bilden
sie aber eine Einheit und ergänzen einander. Nichts ist nur Yang oder nur
Yin, beides enthält den Samen des anderen. Yang wandelt sich zu Yin, und
Yin wandelt sich zu Yang. Die Begriffe Yin und Yang haben ihren Ursprung in
der Beobachtung der Gegensätze in der Natur. Das chinesische Zeichen für
Yin bedeutet „schattiger Hang“, während Yang „sonnenbeschienener
Hang“ bedeutet. Aus dieser ursprünglichen Bedeutung ergeben sich
in weiterer Folge alle weiteren Zuteilungen von Yin- und Yang-Eigenschaften:
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| Yin: | Yang: | |
| Schatten | Licht | |
| Nacht | Tag | |
| Mond | Sonne | |
| Ruhe | Aktivität | |
| Erde | Himmel | |
| Frau | Mann | |
| kalt | heiß | |
| innen | außen | |
| unten | oben |
Ebenso aus Naturbeobachtungen
ent- stand neben Yin und Yang das System der 5 Wandlungsphasen
oder 5 Elemente. Sie werden als grundlegende Prozesse verstanden,
als Phasen eines Zyklus (z.B. Jahreszeiten in der Natur), aber auch im übertragenen
Sinn als allen Phänomenen innewohnende Fähigkeit bzw Tendenz zur Veränderung.
Am Beispiel des Lebenszyklus einer Pflanze läßt sich die Abfolge
der Wandlungs- phasen gut demonstrieren: Samenkorn - Element Wasser (Winter),
Sproß und grüne Pflanze - Element Holz (Frühling), Blüte
und Befruchtung - Element Feuer (Sommer), Frucht und Reife - Element Erde (Spätsommer),
Rückzug der Säfte und Austrocknung - Element Metall (Herbst), Überwinterung
der Samen - Element Wasser (Winter)… Im Körper gibt es ebenso den
5 Elementen folgende Energiekreisläufe, wobei jedem Element jeweils Meridiane
(Leitbahnen) zugeordnet sind, in denen die Energie zirkuliert. So steht das
Element Wasser zB für Speicher, Potential (Nieren- und Blasenmeridian).
Es nährt das Holz, welches für Wachstum, Entwicklung und Kreativität
steht (Leber- und Gallenblasenmeridian), etc.
Die 12
Meridiane versorgen die inneren Organe mit Energie und sorgen so für
den Erhalt der Struktur und Funktion. Sie verbinden die inneren Organe mit den
äußeren Gewebsstrukturen. In China nennt man sie „Jing Luo“,
was übersetzt so viel wie „Kette und Schuss“ heißt und
sehr bildhaft ausdrückt, dass die körperlichen Strukturen zusammenhängen
wie die Längs- und Querfäden in einem Gewebe. Tatsächlich zeigen
die chinesischen Energielinien, die bei uns „Meridiane“ genannt
werden und die die Basis im Shiatsu bilden, oft einen Verlauf, der sehr eng
verknüpft ist mit anatomischen Gewebsstrukturen, wie Muskelketten bzw Blut-
und Nervenbahnen. In der Chinesischen Medizin sagt man: “Das Qi (= Lebensenergie)
folgt dem Blut.“
Durch Störungen im Energiefluss entstehen in den Meridianen Kyo und Jitsu, die am ehesten als Stellen mit wenig Energie / Blutversorgung / wenig Muskeltonus (= Kyo) und Stellen mit Überschuss / blockierter Energie / Verspannung / zu hohem Muskeltonus (= Jitsu) beschrieben werden können. Diesen Zustand energetischer Unausgeglichenheit gilt es in der Shiatsu-Behandlung zu erkennen und zu beseitigen, indem Energiedefizite mittels Tonisierung (= langanhalender, tiefgehender Druck, Zuführung von Energie über bestimmte Punkte) und Blockaden mittels Sedierung (kürzerer Druck, Ableitung von Energie über bestimmte Punkte) ausgeglichen werden.
Ki, Yin und Yang, die Elemente und Meridiane sowie Kyo und Jitsu
sind sowohl in der fernöstlichen Diagnose als auch im Behandlungskonzept
von essentieller Bedeutung, da sich mit ihrer Hilfe sowohl der aktuelle energetische
Zustand als auch die ursprüngliche Konstitution (=vorwiegend erbbedingte
Struktur, Veranlagung) der Person feststellen lassen. Ziel ist es, den Zustand
der Person wieder seiner Konstitution anzunähern und somit den Energiehaushalt
und -fluss zu optimieren.

